Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.02.2004, Nr. 7 / Seite 60
Eine Hamburgerin kreiert Kontaktbörsen, die sie sich selbst als Existenzgründerin gewünscht hätte: Visitenkartenparties. Eine biedere Sache. Die Nachfrage steigt.
Von Tobias Haberl
Würde Gerhard Schröder Yvonne Laage kennen, der Kanzler wäre ihr größter
Fan. Endlich hätte er ein Paradebeispiel gefunden für den Ruck, der doch,
bitte, endlich durch Deutschland zu gehen hat. Innovation, Schröders
Lieblingsschlagwort vom Januar, wird von der Frau aus Hamburg geradezu
personifiziert.
27 Jahre ist sie alt, Mehrfachunternehmerin mit drei Projekten, drei Telefonapparaten und zehn verschiedenen Nummern dazu. Sie hat in Tübingen Allgemeine Rhetorik, Philosophie und Jura studiert, aber keinen Abschluß gemacht. Lieber gründete sie eine Vermittlungsagentur für Werbetexter und eine Internetplattform für Busineß-Termine. Der Drang in die Selbständigkeit war zu groß. Der Kanzler würde wohl sagen: So viel Elan, so viel Verantwortung, so viel Flexibilität - solche Menschen braucht das Land. Seit Herbst 2002 veranstaltet Yvonne Laage außerdem Visitenkartenparties. Als sie anfing, kannte sie nur den Begriff, aus Amerika. Weil sie über das Prinzip der Veranstaltungen wenig wußte, kreierte sie aus der Worthülse ein Event nach eigenen Vorstellungen: ebenjene Sorte Kontaktbörse, die sie sich als Existenzgründerin immer gewünscht hätte. "Oft treffen sich Menschen aus derselben Branche, das bringt ja nichts. Oder nur Busineß-Frauen, das halte ich keine Stunde aus. Oder aber man muß tausend Euro zahlen, um im Jahr auf drei Verbandsveranstaltungen gehen zu können", sagt Laage. Sie wollte etwas anderes, Besseres.
Und legte los mit www.visitenkartenparty.biz, erst mit einem Partner, nur in Hamburg, seit einigen Monaten nun allein, dafür mit Helfern, überall. Längst versorgt sie zehn Städte, von Köln bis Berlin, von München bis Hamburg, neulich war Nürnberg an der Reihe. Auf der Fahrt von Hamburg gen Süden klingelten ihre drei Telefone achtundsiebzigmal.
Nürnberg, Hilton Hotel, nicht pompös, aber schick. Yvonne Laage läuft im dunklen Busineß-Kostüm durch den Saal, redet, delegiert, wirkt sehr abgeklärt und souverän, nicht wie 27. An der Fensterfront liegen Hefte des Wirtschaftsmagazins "brand eins" aus sowie Broschüren, die "Neue Perspektiven für Sie" oder "Der Vermögens-Berater" heißen, außerdem Namenskärtchen für die Teilnehmer. Alles dabei: eine Detektei, Golf-Events, Webdesign, Innenraumbegrünung. Gegenüber gibt's Getränke und Kanapees für zwei Euro das Stück. Gleich kommen die Gäste, 140 hoffnungsvolle Menschen. Der Eintritt: 18 Euro.
Das Prinzip einer Visitenkartenparty ist simpel - Ziel ist das Sammeln von Visitenkarten. Es geht um neue geschäftliche Kontakte und das Entdecken gemeinsamer Interessen nach dem Motto: Sie bauen mir eine Website, ich mache Ihre Steuer. Angesprochen sind Existenzgründer, kleine und mittlere Unternehmer, meistens aus der Region, die sich auf Profilbögen kurz vorstellen. Die Bögen werden an Stellwände gepinnt und sorgen für Gesprächsstoff. Denn die Gäste, zumeist Mitglieder der Geschäftsführung, sollen reden, und zwar "nicht übers Wetter, die Schwiegermutter oder den Stau", so Yvonne Laage. Und obwohl jeder weiß, daß das Geschäft an diesem Abend das einzige Thema sein soll, "haben die Leute oft Hemmschwellen". " Bieder, fast spießig" beschreibt die Veranstalterin ihre eigenen Parties. Das ist Absicht. Oft fragen Hotelmitarbeiter, ob denn irgendwann Musik gespielt werde. Nein, antwortet Laage dann. "Die Leute sollen reden und nicht tanzen, nur weil im Hintergrund Stevie Wonder läuft."
Die Teilnehmer? Sehr unterschiedlich. Daniela Köhler zum Beispiel, 23 Jahre alt, schlank, blond, nettes Lächeln, seit acht Monaten selbständig mit einer Mediendesign-Agentur in der eigenen Wohnung. "Präsent sein" will sie auf dem Markt, "der Konkurrenz einen Schritt voraus". Deswegen geht sie gleich am nächsten Tag zum Busineß-Frühstück der Post. Als Vision steht auf ihrem Profilbogen: "Ich werde das Spektrum meiner Fähigkeiten bei jeder Gelegenheit erweitern, um am Ende ein perfekter Guerilla zu sein." Oder Peter Hardung. Auch sehr jung, schwarzer Anzug, schwarze Budapester, akkurat nach hinten gegeltes Haar, gelbe Krawatte. Sozialversicherungsbranche. Auf seinem Profilbogen heißt es: "Zusammenkommen ist der Anfang, Zusammenarbeiten ist Erfolg." Stammt nicht von ihm, sondern von Henry Ford. Sein Ziel an diesem Abend: "Kondagde", wie der Franke sagt. Logisch. Wollen ja alle hier.
Deswegen reden und gehen und reden und gehen sie, von einem Stehtischchen zum nächsten, unterbrochen nur durch die Begrüßungsrede der Veranstalter und zwei, drei Kommunikationsspielchen wie die "Reise ins Visitenkartenland", die auch nur Reden und Gehen zum Ziel haben. Viele, viele Sakkos in Bewegung also, über allem ein Säuseln auf fränkisch, als hänge irgendwo ein Nest Bienen, dazu eine nicht unaufdringliche Wolke aus Parfum. Hört man genauer hin, fallen Worte wie "Potentiale", "Kooperation" und "Branchenmix", Sätze wie "Vielleicht kenne ich den ja zufällig" oder "Ich kann Ihnen von meiner Frau die Karte geben, ich bin nur Begleitperson". Kein Smalltalk, keine Umwege, zielorientierte Busineß-Gespräche, jeder mit jedem, so fix wie möglich. Alle wollen ja das gleiche.
Für Leander Lehnert, Panorama-Fotograf aus Frankfurt, ist es bereits die sechste Visitenkartenparty. Er war schon in Köln, Stuttgart, Frankfurt und Heidelberg, ein Fan, der auch weitere Strecken auf sich nimmt. "Pro Party ergibt sich ein wirklich guter Kontakt", sagt er. Er streift im roten Cordhemd mit gelber Überziehweste durch den Saal, in der Hand eine Paketrolle mit Anschauungsmaterial. Der Profi denkt sogar darüber nach, in Mainz eine eigene Visitenkartenparty zu veranstalten.
Leander Lehnert wäre nicht der erste. Denn das Konzept läßt sich nicht schützen. Neben einigen lokalen Veranstaltern gibt es eine zweite große Eventagentur in Hamburg, die unter der Domaine www.visitenkartenparties.de seit März 2003 ähnliche Parties durchführt. Ihr Chef, Eventmanager Jan Ising, kommt sich mit Yvonne Laage nicht in der Quere, beide kennen einander und verfolgen unterschiedliche Konzepte. Sie macht die großen Städte, er die kleineren wie Fulda oder Kiel. Sie arbeitet mit Vier- bis Fünf-Sterne-Hotels zusammen, er mit Kneipen und Gaststätten, wo man sonst ein Feierabendbier trinken könnte. Seine Parties sind kleiner, dafür zahlreicher, auf Kommunikationsspiele verzichtet er, statt dessen gibt's Musik und einen Vortrag.
Im Hilton ist abends um zehn das Gröbste geschafft. Eine Auswertung von 700 Feedback-Bögen hat ergeben: Neun von zehn Gästen wollen wiederkommen, fast alle empfehlen die Veranstaltung weiter, jeder dritte gewinnt neue Kunden dazu. Daniela Köhler hat "vielleicht zehn interessante Gespräche" geführt, wie sie sagt. Leander Lehnert plant ein neues Projekt mit einem Kollegen. Yvonne Laage ist derweil schon einen Schritt weiter. Noch nutzt sie das Forum wie ihre Gäste auch, dieses Jahr hofft sie erstmals auf einen kleinen finanziellen Gewinn. Aber sie sagt: "Ich gebe der Sache noch zwei Jahre." Danach läßt sie sich etwas Neues einfallen, vielleicht verkaufe sie dann ja Schlüpfer, scherzt sie pragmatisch. Außerdem will sie mit den gesammelten Visitenkarten - immerhin 4000 Stück - eine Ausstellung bestücken. Keine gleicht schließlich der anderen.
Also schaut man mal genauer hin, liest Namen, Telefonnummer und dazu zum Beispiel folgendes Sprüchlein: "Für die Entwicklung eines Menschen zu einem reichen und freien Leben sind viele Kontakte nötig." Zitat: August Stringberg. Mit g. Der schwedische Dramatiker, der schlaue Sätze schrieb, hieß August Strindberg. Mit d. Mit Visitenkarten allein ist es offenbar doch nicht getan.
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